MUSCHELN, MUSCHELN (Gedicht)

Muscheln, Muscheln, blank und bunt,
findet man als Kind.
Muscheln, Muscheln, schlank und rund,
darin rauscht der Wind.

Darin singt das große Meer –
in Museen sieht man sie glimmern,
auch in alten Hafenkneipen
und in Kinderzimmern.

Muscheln, Muscheln, schlank und rund,
horch, was singt der Wind:
Muscheln, Muscheln, bunt und blank,
fand man einst als Kind!

Gedicht von Wolfgang Borchert

DU MUSST DAS LEBEN NICHT VERSTEHEN

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

WELCHES SIND DIE GROSSEN TAGE

Welches sind die großen Tage,
die für uns Bedeutung haben?
Gewiss nicht Zeiten großer Klage!
Gewiss nicht Feste voller Gaben.

Es ist meist nur der Augenblick:
In dir sind leise Stimmen,
durch dich strömt ein Gefühl von Glück
und lässt dein Herz mitschwingen.

Da gibt es Tiefen oder Höhen,
da gibt es Freud, da gibt es Leid,
oft überrascht uns ein Geschehen,
des Lebens Fortgang nennt man Zeit.

Gedicht von „anonym“